Was ist eigentlich so schlimm an den SUVs?

Mehr Sicherheit, mehr Platz, mehr Komfort, mehr Überblick – man liegt im Trend, wenn man eine SUV-Fahrerin oder ein SUV-Fahrer ist. All das sind tolle Argumente, sich ein geräumigeres Fahrzeug zuzulegen. Aber das ist problematisch. Nicht nur aus Sicht des Klimaschutzes.

Autofahrer neigen – wie alle Menschen, übrigens – dazu, Partei zu ergreifen. Eine Partei der Autofahrer sozusagen. Das zeigt sich an mehreren Stellen deutlich. Manche werden z.B. Mitglied im ADAC. Ein Verein, der sich ausschließlich um die Interessen der Autofahrenden einsetzt. Und auch Lobbyarbeit in der Politik betreibt.

Der aktuelle Trend zu immer größeren, komfortableren, sichereren und erhabeneren Fahrzeugen, zieht dicke, schützende Trennschichten zwischen die Fahrer und ihrer Umwelt. SUVs sind die dicksten Verkehrs-Kapseln, die derzeit auf unseren Straßen unterwegs sind. Und sie kapseln die Insassen von ihrer Umwelt besonders effektiv ab. Im Falle eines Crashs ist das so gewollt. In jedem anderen Fall asozial, weil sie das Soziale, das Miteinander erschweren.

Das unterscheidet die Fahrer von Fußgängern oder Radfahrern, welche quasi immer mit ihrer Umwelt verbunden sind. Sie atmen direkt die Luft um sie herum, sie fühlen das Wetter, sie können mit anderen auf der Straße leichter in Kontakt treten und einfach kurz mal stehen bleiben und Gespräche führen oder sich die Umgebung anschauen. Radfahrer und Fußgänger gehen durch die Umwelt. An Autofahrern fährt die Umwelt vorbei – fast so wie im Kino.

Der Begriff des Individualverkehrs wird durch Autos auf die Spitze getrieben. Laut Wikipedia ist es Individualverkehr, wenn ein Verkehrsteilnehmer frei über Zeiten und Wege entscheiden kann. Autofahrer individualisieren sich hingegen extrem, indem sie sich auch klar räumlich von ihrer Umwelt trennen. Diese Tendenz zeigt sich meines Erachtens auch in den Konfiguratoren für Neuwagen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ein BMW-Mitarbeiter erzählte mir mal, dass die Autos heutzutage so individuell sind, dass es weltweit im Schnitt nur zwei baugleiche Ausführungen eines Modells gibt.

Liebe Autofahrerinnen und Autofahrer,
Hier kommt eine kleine Einführung in die Welt außerhalb Eurer Trennschicht, Karosse, Knautschzone, toten Winkel und Fahrbahn. Bitte nehmt es mir nicht übel, wenn ich Euch anspreche, wie die Parteiangehörigen der Autofahrer. Aber Ihr seid es!

Aber ich möchte Euch Eure Menschlichkeit hier nicht absprechen. Denn es ist sehr menschlich, sich für einen SUV zu entscheiden. Und es ist genauso menschlich, sich von seinem Fahrzeug abkapseln und ausgrenzen zu lassen, ohne das bewusst wahrzunehmen. Es ist in unseren Genen verankert, dass wir uns gerne für die bequemsten Optionen entscheiden. Und Autos sind (für die, die drin sitzen) bequemer als keine Autos.

Und sich abzugrenzen, um sich vor einer Umwelt zu schützen, ist auch evolutionär wichtig gewesen und hat uns als Menschheit dorthin gebracht, wo wir heute stehen.

Sicherheit

Die verbesserte Sicherheit eines jeden neuen Autos ist wie eine Art Abwehreinrichtung für die Insassen. Ich selbst würde eher in ein Auto steigen, das mir mit viel Technik verspricht, heil am Zielort anzukommen. Dadurch macht es mich aber zu einem schützenswerteren Menschen, als die anderen da draußen. Die Verteidigungseinrichtung des Autos sorgt de facto für eine Separierung, weil das Auto mich als Insassen quasi vor den Gefahren „da draußen“ schützt.

Die Sicherheit macht sich häufig allein durch die Größe und das Gewicht bemerkbar. Ein SUV ist definitiv bei einem Zusammenstoß mit einem Kleinwagen sicherer. Das liegt schon allein an der großen Masse, die auf eine kleinere Masse trifft.

Allerdings wird mit jedem neuen SUV auf der Straße, das Fahren mit Kleinwagen unsicherer, weil sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, mit einem viel schwereren SUV zusammenzustoßen. Ganz zu schweigen von den Allerschwächsten im Verkehr: den Kindern, Fußgängern, Rad- und Rollerfahrern.

Mehr Platz

Größer werdende Autos bieten mehr Platz. Das ist ein tolles Argument für ein neues Fahrzeug, in dem man sich noch bequemer bewegen kann. Oder man die Option hat, noch mehr mitzunehmen. Dadurch gewinnt man eine ganze Menge Flexibilität. In den Werbungen für SUVs sieht man die Autos immer in leeren, weiten Landschaften herumfahren.

Aber woher kommt der Platz eigentlich? Ich stelle mir gerade einen vollen Parkplatz vor. Und jetzt werden alle Autos im Durchschnitt größer. Dann muss der Parkplatz mitwachsen, oder? Und wenn nicht, dann wird der Tonfall zwischen den Autofahrern aggressiver, weil sie ja jetzt um dezimierten Plätze konkurrieren müssen. Wie beim Spiel „Eine Reise nach Jerusalem“ führt der Trend zu größer werdenden Autos folglich, zu immer weniger Platz insgesamt. Und zu mehr Verschwendung, da die Strecke, die zurückgelegt werden muss, um noch einen Parkplatz zu ergattern, im Durschnitt immer länger wird.

Manche SUV-Fahrer werden bemerken, dass ihre neuen Autos gar nicht mehr in die Garage passen und an der Straße abgestellt werden müssen. Also verbrauchen diese Autos nun Flächen, die eigentlich für alle zu gleichen Teilen zur Verfügung stehen sollten. Und wenden wir den Blick in eine typische deutsche Stadt, wo das „Hauen und Stechen“ um die Abstellplätze schon heute an der Tagesordnung steht, sorgen immer größere Autos nicht unbedingt für die Entspannung der Situation.

Überblick beim Fahren

Ein weiterer Vorteil von SUVs, das andere Luxusautos, geschweige denn Kleinwagen nicht bieten können, ist der verbesserte Überblick als Fahrer. Da man höher sitzt, kann man den Verkehr um einen herum besser beobachten. Dies führt zu einem gesteigerten Sicherheitsgefühl. Und es macht einen ein Stück weit erhabener. Eine aufrechtere Sitzposition ist auch bequemer als die immerzu erschlaffte Körperhaltung der Fahrer in den „normalen“ Autos.

Dies führt allerdings dazu, dass man lieber und häufiger im Auto sitzt. Man nutzt bequeme Autos nicht nur als reines Transportmittel für notwendige Erledigungen, sondern auch für Urlaube, lange Strecken und für Wege, die auch gut ohne zurückzulegen wären. Das wäre grundsätzlich kein Problem, würden Autos nicht öffentlichen Raum verbrauchen, Unfälle wahrscheinlicher machen und den Menschen und der Umwelt schaden. Denn Autos stoßen Schadstoffe aus. Schadstoffe heißen Schadstoffe, weil sie Stoffe sind, die in der Umwelt schaden anrichten: also an den Menschen, der Natur, dem Klima, usw.

Grenzwerte für Schadstoffe festzulegen, heißt nichts anderes, bestimmte Schäden absurderweise zu tolerieren. Schwebt ein Fahrer über den Dingen, indem er einfach höher sitzt, fällt es ihm auch leichter, Schäden anzurichten und diese zu ignorieren. Und da ein höherer Fahrer nicht in das Aufpuffrohr seines Vordermanns blicken kann, sieht er sich selbst auch nicht in Gefahr.

Dummerweise sind die zahlreichen „Vorteile“ kein Geheimnis unter den Autofahrern geblieben. Fast jedes vierte neue Auto auf unseren Straßen ist so ein SUV. Das heißt, dass viele andere nun auch ein perfekten, fahrenden Hochsitz besitzen und nutzen. Damit vernichtet sich der Vorteil des besseren Überblicks wie von selbst.

Die größte Herausforderung für die Ingenieure der nächsten Modelle wird wohl sein: Noch höhere Autos herzustellen, damit diese auch in Zeiten von vielen SUVs einen guten Überblick liefern.

Die anderen

Fahrerinnen und Fahrer kleinerer Autos fühlen sich durch die Flut an SUVs übrigens so bedrängt, sodass sie selbst ebenfalls eher zu SUVs greifen. Auf diese Weise hat die Entwicklung zu größeren Autos eine Art „Wettrüsten“ im Straßenverkehr angestoßen. Dabei verlieren wir jedes Maß und unsere Umgebung aus den Augen. Eine Umgebung, die nur ohnmächtig oder protestierend, den Egotrips auf den Straßen zuschauen kann.

Als Fußgänger und Radfahrer weiß ich, dass die Übersicht, die so ein Auto schenkt, nur den Fahrerinnen und Fahrern der SUVs zugutekommt. Durch die großen Autos kann ich schwer schauen, denn mit der wachsenden Größe schrumpfen oftmals die Fenster: Die großen Autos wirken wie Panzer, die sich abkapseln und verteidigen. Sie rauben ihrer Umgebung den Überblick.

Als Fahrer eines solchen Vehikels merkt man das natürlich nicht. Denn selbst erlebt man den Straßenverkehr als übersichtlich. Zumindest solange, bis man sich in eine enge Parklücke quetschen muss. Ohne teure Kameras oder ein Radar ums Auto (natürlich als teures Zusatzpaket), lässt sich gar nicht mehr überblicken, was um einen herum passiert.

Maßlosigkeit

Ich habe schon von einem SUV-Fahrer das Argument gehört, sein Auto sei komfortabler als andere. Das klingt total gut. Und ist ja auch so gewollt. Die Autohersteller wollen ja, dass wir uns in ihren Modellen wohl fühlen und sie kaufen. Aber durch den komfortablen Individualverkehr verlieren nicht nur die Autos selbst, sondern auch wir Menschen das vernünftige, das menschliche Maß.

Verbrauch

Überblick, Sicherheit und Komfort erhöhen auch den Verbrauch eines Fahrzeugs. So ein Airbag wiegt 20 Kilogramm. Heute haben die Autos oft mindestens 8 Stück mit an Bord. Also wiegen allein die Airbags mehr als die Insassen eines durchschnittlich besetzten Fahrzeugs. Die dickere Karosserie wiegt auch mehr, selbst wenn es auch „Leichtmetall“ besteht. Masse zu beschleunigen erhöht aus physikalischen Gründen den Verbrauch. Und der Überblick erhöht den Verbrauch, weil mit der Fahrzeughöhe der Luftwiderstand des Autos ansteigt.

Die Komfortmerkmale verleiten dazu, das Auto, schneller auf der Autobahn zu fahren. Da es ja weiterhin ruhig und leise auf der Straße liegt (zumindest aus Sicht als Insasse). Und man legt gerne längere Stecken mit dem Auto zurück, da es so bequem ist. Wer einen SUV oder ein anderes großes Luxusauto hat, der denkt ja gar nicht mehr daran, die Bahn oder andere umweltfreundliche Arten zur Fortbewegung zu nutzen.

Demokratie oder Individualverkehr

Möchte ich ein aufrichtiger demokratischer Bürger sein, so muss ich mich unter die Menschen mischen. Aus Teams in Unternehmen kenne ich das. Die besten Teams sind die, wo sich die Mitglieder untereinander nicht voneinander abkapseln. Da wo offen und miteinander umgegangen wird, da wird gemeinsam am Meisten geschafft. Und Firmen, die das in ihrer DNA haben, sind erfolgreicher als andere. Manche nennen sowas New Work. Das wünsche ich mir für eine Gesellschaft, die gemeinsame große Probleme lösen muss. New Society, sozusagen. Abkapselung und Individualkomfort, auf kosten anderer, gehen da die falsche Richtung.

Wie schwer es ist, da wieder rauszukommen

Jede Art von Parteilichkeit sorgt bekanntlich für eine Verhärtung der Fronten. Wenn ich aus der Sicht eines Nicht-Autofahrers zu Autofahrern spreche, dann sorge ich nur für die Verhärtung der Fronten (auf beiden Seiten). Das besagte „Wettrüsten“ findet mit Argumenten statt.

Also: Andere Fußgänger und Radfahrer würden beipflichten und vielleicht jubeln und noch weitere Argumente drauf packen, wieso Autos und motorisierter Individualverkehr so schlecht für die Umwelt und für uns Menschen sind. Vielleicht nennen sie die unglaublich hohe Zahl von jährlich 400.000 Toten, die durch die Luftverschmutzung in Europa ums Leben kommen. Und den großen Anteil, den der Verkehr daran hat. Oder die vielen Verkehrstoten und -verletzten. Oder, dass es heute schon fast normal ist, dass die großen Autos mit mindestens zwei Reifen auf den Gehwegen Parken, zum Leidwesen der Gehwegnutzernutzer, wie Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer, Kinderwagenschieberinnen und -schieber, Kinder an der Hand und derer, die auch mal gerne etwas mehr Platz hätten, als nur schmale Wege in der Außenwelt.

Und die Fahrerinnen und Fahrer von Autos werden sich verteidigen und vielleicht den Platz für die Kinder auf dem Rücksitz erwähnen, den bequemeren Einstieg, die Effizienz des Motors (im Verhältnis zu Größe und Gewicht des Autos), die langen Wege, die sie zurücklegen, ihr Job oder dass man ohne Auto bei Regen nass wird… Lange Rede, kurzer Sinn: Ich glaube nicht, dass ich mit diesem Aufsatz auch nur eine Fahrerin oder einen Fahrer bekehren werde.

Als Fahrer eines Autos steckt man ja ohnehin schon in einer Zwickmühle, aus der man nicht so richtig herauskommt:

Denn wer ein Auto besitzt, hat meistens sein ganzes Leben um sein Auto herum organisiert, wie der Wahl des Wohnorts, der Garage, dem Beruf und nicht zuletzt die eigenen Argumente, wozu man überhaupt ein Auto braucht. Das ist eine riesige Herausforderung, es zu verändern. Es ist aber nicht hoffnungslos. Man könnte sich das z.B. in kleine Schritte aufteilen und einfach mal den nächsten Einkauf zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen, Fahrgemeinschaften gründen, das Fahrrad nutzen, auf die Bahn umsteigen, sein großes Auto gegen ein kleineres tauschen, oder oder oder…

Und wer sich von nun an wirklich konsequent für den Umwelt- und Klimaschutz einsetzen will, der steht vor der nächsten großen Herausforderung, nämlich der Frage:

Wie entsorgt man ein Auto fachgerecht?