Radfahrer! Ihr habt eine einmalige Chance

Ich schreibe diesen Artikel aus einem Café. Gerade bin ich mit dem Fahrrad durch München gefahren. Für mich immer eine gute Gelegenheit zu sinnieren und zu beobachten, wie die Stadt sich verändert.

Bei uns ist gerade Kommunalwahlkampf. Das heißt, die Straßenränder sind wieder einmal gesäumt mit Plakaten der Parteien. Besonders ins Auge gesprungen ist mir das Plakat von der städtischen CSU. Die Rede ist von „RADikalpolitik“. Auf dem Plakat werden fahrradfreundliche Maßnahmen der poltischen Gegner attackiert und zu Fairness zwischen Autofahrern und Radfahrern aufgerufen. Offenbar gibt es die derzeit nicht. Sonst würde die CSU ihre Zielgruppe nicht mit solchen Worten ansprechen.

Und da hat sie meiner Meinung nach Recht. Ich wundere mich schon länger darüber, wie aggressiv meine Radlkolleginnen und -kollegen auf Fahrfehler der Autofahrer reagieren. Und umgekehrt.

Die Stadt ist ein enger Raum und Autos nehmen viel Platz ein. Das überfordert natürlich alle Verkehrsteilnehmer. Aber einzelne Fahrer für dieses Problem beschimpfen?

Natürlich besteht die Lösung des Problems darin, das Verkehrsaufkommen zu reduzieren. Die Herausforderung dabei ist, dass die Mobilität der Menschen nicht eingeschränkt wird. Die Politik ist gefordert, Alternativen für Autofahrer anzubieten und attraktiv zu machen. Für manche sind das die öffentlichen Verkehrsmittel und für andere vielleicht das Fahrrad oder sogar der Fußweg. Manchmal ist auch Carsharing die Lösung. Und für den ein oder anderen ist sicherlich auch ein eigenes (E-)Auto eine clevere Lösung.

Ich stelle mir zwei Gruppen vor: Die eine Gruppe, das sind die Radfahrer. Die andere Gruppe besteht aus Autofahrern. Beide beschimpfen sich gegenseitig. Ein Schauspiel, das sich jeden Tag wiederholt. Zumindest auf den Straßen in München. Es entsteht also ein tiefer Graben zwischen beiden Gruppen, der tagtäglich ausgeschaufelt wird. Was den Übergang von einer Gruppe zur anderen nicht unbedingt erleichtert, oder?

Wenn also andere Radfahrer, wie ich, ein Interesse daran haben, dass mehr Autofahrer aufs Fahrrad umsteigen, damit es wieder mehr Spaß macht und sicherer wird, von A nach B zu kommen, dann sollten sie sich nicht am Grabenkampf beteiligen.

Deshalb lautet mein Appell an die Radfahrer: Steckt ein! Lasst Euch das gefallen, was die Autofahrer mit Euch machen. Lächelt, seid freundlich, verzeiht. Haltet an, wenn ihr übersehen werdet. Stoppt für Fußgänger und zeigt, dass es etwas ehrenhaftes ist, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein.

Ich praktiziere das jeden Tag. Manchmal ist das anstrengend, wenn mich ein Auto wütend macht. Gerade, wenn ich’s mit unverhältnismäßig großen Wagen zu tun habe, die ganze Wege versperren oder mich aufgrund ihrer Klobigkeit relativ unbeholfen und unberechenbar in Gefahr bringen. Aber in der Regel fühle ich mich ganz wohl damit, die Fehler der anderen zu akzeptieren. Für mich ist das ein Teil von Respekt und Rücksicht.:

Darum liegt aber auch die CSU meiner Meinung nach daneben. Das Fair-miteinander-Umgehen ist eine Sache der Einzelnen. Die Rahmenbedingungen zu schaffen, um eine Wende hinzubekommen, die fair für alle ist und praktikabel, das sich Sache der Politik. Und dazu gehört meines Erachtens nach, eine faire Verteilung der Fläche, Lärmschutz, Luftreinhaltung und selbstverständlich auch Klimaschutz. Hier mangelt es aber in der Kampagne der CSU an Lösungsvorschlägen. Ihr Appell, für Fairness zwischen Autofahrern und Radfahrern macht den Graben womöglich nur größer, weil sie auf ihn aufmerksam macht. Und andere Verkehrsmittel fallen bei ihrer Kampagne gänzlich aus dem Raster.

Liebe Radfahrerinnen und Radfahrer, Ihr habt momentan noch einen ganz guten Ruf. Und wir stehen als Gesellschaft am Rande einer Katastrophe, welche auch davon abhängt, wie das Image der „Radfahrer“ aussieht. Die Chance ist einmalig und ich würde mich freuen, wenn ihr sie nicht verspielt.