Kinderlos für das Klima?

Kinder sind schlecht für das Klima. Das sagen einige Aktivisten. Das sagt auch mindestens eine Studie, von der ich gelesen habe. Aber wer ist jetzt ernsthaft überrascht, dass das so ist?

Allein in Deutschland geht fast eine Tonne CO2 für die Verwaltung pro Bürger und Jahr in die Atmosphäre. Die wäre schonmal gespart. Und da ungeborene Kinder weder Essen, Heizungen benötigen oder Transatlantikflüge unternehmen, wird eine Gesellschaft mit weniger Kindern oder gar keinen, auch den Klimawandel eindämmen.

Viel spannender als diese Erkenntnis, ist für mich die Frage, was wir mit dieser Erkenntnis machen:

Das Problem

Einerseits verbrennen wir fossile Stoffe, um daraus Mobilität, Elektrizität und Wärme zu machen. Das bringt bisher (unter der Erde) verschlossenen Kohlenstoff in die Atmosphäre. Andererseits ernähren wir uns von den verschiedensten Lebensmitteln, welche wir dazu in der Regel anbauen. Die Flächen, die wir in Acker umwidmen, sind dabei problematisch. Erstens werden dabei Böden gestört, welche vormals CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen konnten. Andererseits zerstören wir für den Ackerbau bestehende Ökosysteme, wie z.B. Wälder die abgeholzt werden. Diese haben neben der Tatsache, dass sie verschiedene Arten beherbergen auch eine globale Funktion für die Zusammensetzung der Atmosphäre. Den Amazonas-Regenwald nennt man nicht umsonst auch „grüne Lunge der Erde“.

Wenn wir Tiere züchten, um sie entweder zu essen oder um an Milch und Eier zu kommen, verbrauchen diese Tiere ebenfalls landwirtschaftliche Flächen. Und einige der Tiere erzeugen zusätzlich Treibhausgase durch ihre Verdauung und beeinflussen dadurch ebenso das Klima negativ.

Jeder Mensch konsumiert Nahrungsmittel und treibt damit den Bedarf nach Landwirtschaft an. Und je wohlhabender ein Mensch ist, desto mehr Tierprodukte befinden sich auf seinem Teller und umso mehr Energie verbraucht er. Und die kommt größtenteils noch aus fossilen Quellen.

Das ist der Grund, warum sich durch die Menschheit das Klima verändert. Mit jedem neuen Menschen erhöht sich der Bedarf an (fossiler) Energie und Nahrung.

Die (einfache) Rechnung

Man könnte nun schlussfolgern, dass wir das Problem gelöst bekommen, indem wir die Anzahl der Menschen reduzieren. Gewaltfrei geht das nur durch den Verzicht auf Kinder.

Wozu Klimaschutz?

Ich finde diese Rechnung aus vielen Gründen unnötig, weil wir, als Menschen, uns überlegen sollten, worauf es uns ankommt. Prinzipiell bringen wir die Erde durch unser Handeln nämlich nicht ernsthaft in Gefahr. Wir verändern zwar die Erdoberfläche, das Erdinnere und die Atmosphäre in einem verhältnismäßig großen Maße. Aber jeder, der mal in einer verlassenen Stadt war, weiß, wie schnell sich die Natur alles wieder zurückholt.

Das System Erde passt sich quasi kontinuierlich an die Gegebenheiten an.

Die Folgen von klimaschädlichem Handeln sind,

Natürlich ist jeder einzelne Gorilla, jede Amsel, jeder Eisbär, jede Kastanie oder jede Fichte, ein Lebewesen, das dabei qualvoll stirbt. Wir sollten uns, jeder für sich, überlegen, ob uns das was bedeutet oder nicht. Aber für das System Erde ist das egal, ob eine Spezies ausstirbt. Es wird Ersatz geben. Die Natur wird sich anpassen und Lösungen finden. Und Kreisläufe werden sich nach hunderten oder tausenden Jahren wieder einstellen.

Gleiches gilt für Menschen: Wenn wir den Klimawandel verursachen, sollten wir uns bewusst sein, das andere Menschen darunter zu leiden haben. Und wir sollten überlegen, ob wir das gut finden oder nicht. Hier sprechen wir vom Aussterben ganzer Kulturen, Kommunen und Ethnien, und von Vertreibung, Verarmung (mit tödlichen Folgen), von der Ausbreitung gefährlicher Krankheiten, usw.

Das kann sogar soweit gehen, dass wir als Menschheit ganz aussterben. Direkter ausgesprochen: dass Du möglicherweise an den Folgen des Klimawandels in einigen Jahren sterben wirst. Theorien dazu gibt es einige, wie das genau passieren könnte.

Um jetzt beide Stränge miteinander zu verbinden: Ich denke, Klimaschutz hat als Ziel zu vermeiden, dass Arten infolge menschlichen Handels aussterben. Dazu gehört auch die Menschheit selbst. Auf Geburten zu verzichten steht diesem Ziel aber diametral entgegen.

Oder anders gefragt:
Wozu überhaupt klimaschutz, wenn wir keine Kinder haben?

Die Annahme in der Rechnung

Als Zweites finde ich die Annahmen, die der Rechnung zugrunde liegen, viel zu linear gedacht. Zunächst ein einfaches Beispiel aus einer Studie (englischer Link):

Nach der Studie reduziert sich mein Fußabdruck um 2,4 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr, wenn ich mein Auto abschaffe. Wenn ich kein Kind zur Welt bringe, ist die Ersparnis 58,6 Tonnen pro Jahr.

In der Studie wird davon ausgegangen, dass heute geborene Kinder auf genauso großem Fuß leben, wie wir heute. Es fehlt in der Rechnung beispielsweise, dass mein Kind vielleich kein Auto fahren wird. Es fehlt auch, dass mein Kind möglicherweise ein Ökostromkunde wird. Oder, dass wir weitere nachhaltige Alternativen und Lebenskonzepte einsetzen werden, die von unseren Kindern übernommen werden. Es fehlt in der Studie auch die Berücksichtigung des Potentials für neue Lösungen, das von unseren Kindern selbst ausgeht, um im Einklang mit ihrer Umwelt zu leben.

Was diese Studie wirklich aussagt

Die besagte Studie ist in meiner Sicht keine große Hilfe, wenn wir unsere Probleme lösen möchten. Sie gießt Öl ins Feuer, für alle, denen es darum geht, wie wir alle gemeinsam eine lebenswerte Zukunft für die Menschheit auf der Erde schaffen könnten. Viele Punkte werden nicht berücksichtigt und die Rechnung geht vom Ist-Zustand aus und rechnet sie in eine Zukunft mit Kindern hoch.

Dabei können Kinder beim Klimaschutz auch nützlich sein

Ich kenne Familien, die keine weiten Reisen mehr unternehmen, weil das mit Kindern unpraktisch ist. Ich sehe Eltern, welche eine Arbeit wählen, bei der sie mehr mit ihren Kindern Zeit verbringen können und nicht ständig durch die Welt jetten. Allein die Existenz von Kindern kann so zu mehr Klimaschutz führen.

Andererseits nehme ich häufig wahr, dass Singles oder kinderlose Paare öfters mal viele weite entfernte Länder bereisen. Sie gehen häufiger auswärts essen und ignorieren dabei eher die Herkunft, Art und Verarbeitung der verwendeten Lebensmittel. Für Familien ist Essengehen mit Kindern oft unpraktischer, als zu Hause selbst zu kochen. Und besser leistbar.

Zudem ist Singles oder kinderlosen Paaren die Karriere häufig sehr wichtig. Infolge verdienen sie mehr Geld. Geld, das für eher klimaschädliche Aktivitäten oder Käufe zur Verfügung steht. Mit Kindern ändert sich das Leben nicht selten völlig und die Prioritäten verändern sich.

Den meisten Eltern – so nehme ich an – ist das Leben ihrer Kinder am wichtigsten. Ihren Kindern soll es heute und in der Zukunft gut gehen. Das ist eine tolle Motivation, um sich auch um Klimaschutz zu bemühen. Also das eigene Handeln und den eigenen Lebensstil zu hinterfragen oder sich auf andere Art für die Zukunft der Kinder stark zu machen.

Eltern sind eher bereit, was für die Zukunft zu tun, weil sie Kinder haben, die in ihr leben.

Fridays for Future ist ein gutes Beispiel, wie Kinder positiv, in Sachen Klimaschutz, auf die ältere Generation wirken kann. Die Jugendlichen haben auf den Missstand unserer Zeit aufmerksam gemacht und sorgen für reale Veränderung in der Gesellschaft. Und es ist noch gar nicht so lange her, da erzählte mir eine Buchhändlerin von ihren geänderten Urlaubsplänen. Weil ihr achtjähriger Sohn es nicht wollte, nach Sizilien zu fliegen, und lieber was mit dem Zug machen wollte…

Daran lässt sich auch zeigen, dass die Studie zu ganz anderen Ergebnissen gekommen wäre, wenn sie sowas wie Bildung miteinbezogen hätten. Als ich noch zur Schule ging, war der Klimawandel kein Thema im Unterricht. Oder er war ein so kleines Randthema, dass ich das völlig vergessen habe. Heute ist das anders und die jungen Leute wirken auf den Rest der Gesellschaft.

Schlussfolgerung: Die Chancen nutzen

Das alles bringt mich zu einem einzigen Schluss:

Wir sind heute in der Verantwortung, alles erdenklich Sinnvolle zu unternehmen, um unsere Umweltkrise in den Griff zu bekommen. Was wir heute schaffen – darauf können dann unsere Kinder aufbauen. Dazu zählt auch, was wir heute unseren Kindern beibringen. Eine offene Gesellschaft sollte ihre Fehler zugeben und die Jugend motivieren, dieselben Fehler nicht zu wiederholen, sondern daraus zu lernen.

Auf diese Weise können wir dafür sorgen, dass die Menschheit nach wie vor ihre Daseinsberechtigung behält und die Umwelt sich nicht zu unserem Nachteil verändern wird. Eine Zukunft mit Jung und Alt. Gemeinsam.