Die Titanic-Metapher

Sehr oft denke ich darüber nach, welche Metaphern deutlich machen können, was gegenwärtig mit unserer Erde passiert. Metaphern eigenen sich prima, um Sachverhalte zu verdeutlichen, zu unterstützen oder auch zu diskutieren. Mir hilft das Nachdenken über das Passen oder Nichtpassen von Metaphern, ein Thema besser zu durchleuchten und zu überdenken.

Ich glaube, dass die Größe der Hausforderungen vor denen wir stehen, manchmal schier überfordernd sind. Wo soll man bloß anfangen? Und kann ich als Einzelner überhaupt etwas bewirken, wenn ich mich mit den Lösungen des Problems beschäftige? Eine passende Metapher kann dabei helfen, einen Ansatz zu finden und vielleicht dazu motivieren, aktiv zu werden. Darüber hinaus sind sie in der Lage eine bildliche Geschichte zu zeichnen und die Umstände, in denen wir uns befinden, besser zu verdeutlichen.

Metaphern für unsere Erde, den Klimawandel oder die Vernichtung unserer Umwelt gibt es viele: Zum Beispiel das der Erde als Raumschiff, welches wir von innen heraus zerstören. Der Papst spricht in seiner Enzyklika „Laudato si‘“ vom gemeinsamen Haus. Fieber wird im Kontext der globalen Erhitzung hin und wieder genannt. Auch vom brennenden Haus ist manchmal die Rede. Ich frage mich manchmal, ob es sich lohnt, staubzusaugen, wenn das Dach rennt. ‚Wir fahren mit Vollgas an die Wand‘ ist auch eine Metapher, die versinnbildlicht, dass es bald scheppert. Wegen ihrer Berühmtheit und ihrem Untergang, bietet sich ebenfalls die Titanic an. Ob der sich Untergang der RMS Titanic als Sinnbild eignet, versuche ich hier zu überprüfen.

Das Schiff

Die Titanic war seinerzeit ein großes Schiff, superlativ in seinem Luxus, betrieben mit Kohle. Untergegangen ist sie durch mangelnde Vorsicht, Voraussicht und Ignoranz. Als die Besetzung den Eisberg sichtete, war es schon zu spät, um ihren Untergang zu vermeiden. Während das Schiff sank, wurde der Platz auf dem Schiff immer kleiner, da das Wasser im Rumpf immer weiter anstieg. Es war Eile geboten, um noch schnell einen Platz in einem Rettungsboot zu ergattern. Viele unterschätzten selbst nach dem Zusammenstoß die Gefahr und weigerten sich, rechtzeitig in die Rettungsboote zu steigen. Hauptsächlich Frauen und Kinder wurden gerettet, denn es gab nicht genügend Rettungsbote und nicht alle Plätze wurden genutzt. Die Werbung behauptete seinerzeit, das Schiff sei unsinkbar. Einen Untergang hielten die meisten für unmöglich. Durch die Katastrophe kam letztendlich der Großteil der Reisenden qualvoll ums Leben.

Viele dieser schaurigen Bilder und Annahmen lassen sich sehr gut auf unsere heutige Zeit und die Zukunft auf unsere Erde übertragen. Wir baggern Kohle und verbrennen Gas, holzen Urwälder ab, fliegen zu viel und oft „nur zum Spaß“, unternehmen Kreuzfahrten, unterstützen ausbeuterische Betriebe, essen fast täglich Fleisch und kaufen zu viel Plastik. Vielen, die das tun, ist scheinbar nicht bewusst, welche Folgen das haben kann. Ich glaube, die meisten denken noch, dass es schon nicht so schlimm kommen wird. Oder wir halten uns für zu klein und die Erde für „unsinkbar“.

Warnungen

Die wissenschaftliche Forschung kommt da auf ganz andere Erkenntnisse. Unser menschliches Verbrauchen hat schwere Folgen für uns und unsere Umwelt. Vor dem Ablegen und während der Fahrt erhielt die Besatzung der Titanic Warnungen vor Treibeisfeldern in größerer und südlicherer Ausdehnung als üblich. Während der Fahrt waren die Funker zudem schwer mit dem Versenden privater Telegramme beschäftigt und leiteten nicht alle relevanten Meldungen an die Brücke weiter.

Zu wenig Bemühungen

Viele Menschen glauben heute, die Titanic sei eine nördlichere Route gefahren, als damals im Winter üblich war und deshalb fahrlässig in das gefährliche Eisfeld geraten. Das stimmt aber nicht. Kapitän Smith hatte sogar eine südlichere Route als üblich gewählt und wähnte sich deshalb vermutlich auch in Sicherheit. Um das Risiko zu minimieren, hätte die Titanic aber noch südlicher fahren müssen. In Bezug auf die uns drohenden Umweltkatastrophen, denke ich an die (Welt-)Politik, die trotz akuter Warnungen zu wenig unternimmt, um uns alle vor dem Schlimmsten zu bewahren.

Voraussicht

Als im April 1912 die Titanic über das Meer fuhr, gab es noch kein Radar. Die Besatzung musste sich auf ihre Augen verlassen. Da wir alle den Ausgang der Geschichte kennen, wissen wir, dass das Schiff zu schnell unterwegs war, um rechtzeitig vor dem Eisberg zum Stehen zu kommen. Möglicherweise haben die Ausgucker auch nicht so gut aufgepasst. Es wäre eine längere Route oder eine langsamere Fahrt nötig gewesen, um der Katastrophe zu umgehen.

Noch heute warten einige Menschen auf noch deutlichere Signale des Klimawandels oder auf sichtbarere Umweltschäden. Solange an ihrem Urlaubsstrand noch keine Kunststoffflut gestrandet ist, existiert für sie kein Plastikproblem. Solange es im Winter noch manchmal schneit und die Supermärkte noch alles haben, ist die globale Erwärmung für sie bis dato nur reine Theorie. Und die möglichen Folgen werden gerne unterschätzt oder nicht in aller Deutlichkeit verbreitet. Über Unangenehmes spricht man eben nicht so gern. Und was man nicht sieht, existiert für viele einfach nicht.

Die Erwärmung ist aber heute schon gut messbar. Die Existenz von Plastikstrudeln im Meer ist nachgewiesen. Auch die Präsenz von Kunststoffpartikeln im Blut aller Menschen und vieler Tiere ist bereits nachweisbar. Viele Menschen bemerken selbst die Veränderungen in der Umwelt und zahlreiche Folgen sind heute schon deutlich sichtbar. In manchen Regionen ist die Wirkung bereits dramatisch. Es ist gut möglich, dass es für vieles schon viel zu spät ist und wichtige Kipppunkte bereits überschritten sind. Man könnte auch sagen, dass wir den Eisberg schon sehen können. Wir können nur noch versuchen die Schäden zu begrenzen, indem wir das „Schiff“ abbremsen und das „Ruder“ einschlagen. Vielleicht können wir noch den Rumpf verstärken, um den Schaden zu begrenzen. Gegebenenfalls lässt sich nur noch der Untergang abbremsen, sodass wir Zeit gewinnen, um neue Überlebensstrategien zu entwickeln oder Schäden zu beheben. Aber dazu müssten wir Einschnitte hinnehmen, investieren und riskieren später im Zielhafen einzulaufen.

Die Folgen

Nach der Kollision ist Wasser in das Schiff eingedrungen, was letztendlich zum Untergang der Titanic führte. Während das Wasser von unten nach oben im Innern des Schiffes stieg, wurde der Platz an Bord immer kleiner und die Menschen mussten nach oben fliehen. Kurz bevor das Schiff zerbrochen war, müssen sich wohl alle noch lebenden, sich an Bord befindenden Passagiere, auf dem oberen Deck befunden haben. Manche versuchten sicherlich panisch, noch in eines der Rettungsboote zu steigen. Andere verteidigten möglicherweise mit Fäusten ihren vermeintlich sicheren Platz an der Reling.

Heute werden durch die globale Erhitzung und durch Umweltverschmutzung und -zerstörung die bewohnbaren Regionen immer weniger. Weshalb sich die überlebenswilligen Menschen auf den Weg machen müssen. Dies führt zu Spannungen, da wir Menschen enger zusammenrücken müssen, wenn wir überleben wollen. Im Gegensatz zur Titanic gibt es aber keine Rettungsboote oder nur wenige Gegenden, die, unter Verteidigung, für wenige als Schutz fungieren können. (Mag auch sein, dass ein paar Superreiche es schaffen werden, auf den Mars zu fliehen. Ob sie dort aber glücklich werden können und ein menschengerechtes Leben werden führen können, daran glaube zumindest ich nicht.)

Technik

Die Titanic war ein großes Schiff, angetrieben durch Dampf, der durch die Verbrennung von Kohle erzeugt wurde. Auch heute noch wird ein großer Teil unseres weltweiten Energiebedarfs durch Kohle und andere fossile Energieträger gedeckt. Über hundert Jahre nach dem Unfall der Titanic kommt das gleiche Prinzip noch für unseren Fortschritt zum Einsatz.

Ein Leben auf der Titanic wäre ohne die Technik nicht möglich gewesen. Gemeinhin sind Motorschiffe ohne Energiezufuhr manövrierunfähig und geraten in Gefahr. Das Gleiche haben wir durch unseren hohen Grad der Technisierung unserer Welt geschafft. Ohne Kohle zu verbrennen, Strom zu verbrauchen und Industrie, ist für die meisten ein Leben undenkbar. Wir haben uns also davon abhängig gemacht. Die Gesellschaft wäre ohne Kohle „manövrierunfähig“.

Auch das System der Schotten im Rumpf des Schiffes, welches dazu angelegt war, das Schiff bei Beschädigung zu schützen, hat nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg versagt. Es sind zu viele Abteilungen vollgelaufen, sodass die Titanic versunken ist.

Genau wie damals glauben heute viele an die rettende Funktion der Technik. Da wir aber viele unserer Ökosysteme gleichzeitig schädigen oder aus dem Gleichgewicht bringen, zweifle ich daran, dass wir unsere Probleme mit Technik in den Griff bekommen können.

Vor allem aber in neoliberalkonservativen Kreisen ist aber der Fortschrittsglaube besonders verbreitet. Der Wille Einschnitte in Kauf zu nehmen wird hier mit dem Verweis auf künftige heilsbringende Technologien abgelehnt.

Auf die Titanic bezogen könnte das bedeuten: „Wir haben zwar noch kein Radar, fahren aber so schnell als hätten wir eins. Bevor wir mit einem Eisberg zusammenstoßen, ist sicher schon eins erfunden und installiert. Auf diese Weise kann uns nicht passieren. Wir können aber dennoch so weitermachen wie bisher und kommen planmäßig in unserem Zielhafen an.“

Die Rolle der Passagiere

Welchen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte hatten die einzelnen Passagiere? Keinen? Zunächst glaubte ich, dass die Titanic-Metapher hier ihre Grenzen hat. Aber das stimmt so nicht. Denn es hätte durchaus Passagiere geben können, die nicht mit dem „Unsinkbar“-Marketing einverstanden gewesen wären. Sie könnten Sorge um das Schiff und die anderen Passagiere gehabt haben und entsprechend handeln können.

Es bestand die Möglichkeit sich bei den Offizieren und beim Kapitän zu informieren. Sie hätten über die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Eisbergen, die Fahrgeschwindigkeit und Sichtweite informieren können. Wenn sie nicht bloß ihrer Führung vertraut hätten, wären sie vielleicht zu dem Schluss gekommen, das Schiff sei zu schnell bei schlechten Sichtbedingungen durch die Nacht unterwegs.

Sie hätten die Drosselung fordern können. Wäre die Führung auf der Brücke nicht auf die Bedenken eingegangen, dann hätten sie eine Protestbewegung wie Fridays for Future gründen können. Und somit wäre die Katastrophe möglicherweise für alle vermieden worden.

Natürlich klingt das bei den Haaren herbeigezogen. Aber denkbar ist dieses Szenario dennoch. Umso froher bin ich darüber, dass es heute sowas wie Klimaforschung und Wissenschaft gibt. Und wie gut es ist, dass es Organisationen und Bewegungen gibt, die sich kritisch mit dem Mainstream auseinandersetzen und Druck auf die Politik ausüben!

Wir

Eine weitere Parallele sehe ich in der fiktiven Geschichte von Rose und Jack aus dem Film „Titanic“ von James Cameron. Die beiden lernten sich auf der Titanic kennen, verliebten sich ineinander und führten eine aufregende Affäre. Während sie von ihrer Zukunft träumten, machte ihnen der Unfall einen Strich durch die Rechnung und nur Rose überlebte. Jack erfror im eiskalten Wasser und versank. Was hätten die beiden wohl unternommen, wenn sie von dem Risiko des Untergangs gewusst hätten?

Selbst nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg ist laut Zeugenberichten keine Panik ausgebrochen. Die meisten Passagiere glaubten nicht, dass das Schiff hätte sinken können. In der ersten Stunde nach dem Unfall neigte sich das Schiff um nur 5 Grad, was wohl für viele noch kein Grund zur Sorge war. Deshalb waren die ersten Rettungsboote, die herabgelassen wurden. Nichtmal voll besetzt, da die Menschen sich nicht überzeugen ließen das sinkende Schiff zu verlassen.

In unsrer Zeit sind viele Menschen durch ihren aufregenden Alltag abgelenkt und nehmen nicht wahr, dass sie sich auf einem Schiff befinden, das auf seinen Untergang zusteuert. Einige konsumieren beispielsweise im Fernsehen die Berichterstattung über den Klimawandel. Sie bleiben aber passiv. Manche wehren sich sogar gegen jedwede notwendige Veränderung.

Dazu zählen sogar junge Familien und Paare, die sich besonders mit ihrer Zukunft (und der ihrer Kinder und Enkel) beschäftigen. Wie Rose und Jack, die sich eine Zukunft ausmalten, die es so nicht mehr für sie gab. Bei Fridays-for-Future gibt es passend dazu den Ausspruch: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“

Die Grenzen der Metapher und mein Fazit

Freilich hat die Metapher der Titanic auch ihre Grenzen: denn in der Gegenwart können sich einzelne Menschen weitgehend umweltfreundlich verhalten und Vorbild für andere sein. Dass uns eine oder mehrere große Umweltkatastrophen ereilen, ist ebenfalls kein Wissen weniger Lenker und Entscheider. Es ist nicht unbekannt oder unvorstellbar, sondern Allgemeinwissen und in aller Munde. Zudem hat heutzutage fast jeder Mensch einen Einfluss auf die Krise und kann sowohl Initiative ergreifen, lernen, protestieren, erfinden als auch den Diskurs vorantreiben. Wer damals Angst vor der Technik hatte, dem Kapitän und den Reedern misstraute, nicht genug Geld hatte oder kein Interesse an einer Überfahrt hatte, brauchte sich zudem keinen Fahrschein kaufen und die Fahrt antreten. Auf der Erde und von ihr abhängig sind wir hingegen alle, ob wir es wollen oder nicht. Entsprechend haben wir eine andere Verantwortung gegenüber uns und unseren Mitgeschöpfen auf unserem Planeten.

Inspiriert durch die Metapher der Titanic ist mir klarer, dass ich das Richtige tue, wenn ich mich Organisationen anschließe, die den Druck auf die politischen Akteure vergrößern.