Die Ökodiktatur

Ich interessiere mich nicht für die Unwörter des Jahres. Das Wort für 2019 steht zum Zeitpunkt des Schreibens, Anfang 2020, noch nicht fest. Aber vielleicht wird es „Ökodiktatur“?

Denn das Wort wurde in der letzten Zeit erstaunlich oft verwendet. Es klingt wie eine Drohung. „Wer die Grünen wählt oder Fridays for Future gut findet, der wünscht sich eine Ökodiktatur.“, lautet der Vorwurf mancher. An anderen Stellen kann man lesen, dass Wissenschaftler, Forscher und Philosophen lieber den Klimawandel als eine Ökodiktatur haben wollen, z.B. hier. Fest steht, dass dieses Wort recht negativ konnotiert ist.

Aber was verbirgt sich hinter dem Begriff?

Gemeint wird wohl hauptsächlich, dass wir mit der Demokratie nicht mehr schnell genug vorankommen. Mit unseren demokratischen Strukturen bekommen wir es nicht hin, Auswege aus der permanenten Umweltzerstörung zu finden. Ein Wandel muss herbei. Und wenn der im Rahmen der Demokratie, mit ihren langwierigen Prozessen, bisher versäumt wurde, dann brauchen wir eben einen Machthaber, der einfach durchgreifen kann. Einen Diktator.

Wann wird das Wort verwendet?

Benutzt wird das Wort, in meiner Wahrnehmung, als Drohung oder als Ausrede, um die fossile Weltsicht weiter zu unterstützen:

Die Drohung, die mitschwingt, lautet: „Wenn ihr mehr Umweltschutz wollt, dann müsst ihr Euch damit abfinden, dass Ihr dann auch unter undemokratischen Bedingungen leben müsst!“ Die Ausrede: „Wir leben in einer Demokratie. Da dauert alles länger und wir müssen Kompromisse aushandeln. Schließlich ist das hier keine Diktatur. Alles braucht seine Zeit. Lasst uns nur machen und habt Geduld!“

Die Botschaft, die sich dahinter verbirgt: „Wollt ihr es anders haben? Das geht nur mit einer Dktatur. Aber die wollt Ihr doch bestimmt nicht!“

Es handelt sich also ein pseudo-konservatives Mantra, echten Fortschritt zu verhindern und die „Demokratie“, wie wir sie haben, als Vorwand zu verwenden. Mit der „Diktatur-Keule“ wird versucht, einen demokratischen Diskurs zu erschlagen.

Was verstehe ich unter „Ökodiktatur“?

Angenommen, wir kämen damit durch und blockierten den Wandel in Industrie, Mobilität, Energieversorgung, Tourismus, Ernährung, etc., dann würde die globale Erwärmung und die Weltzerstörung immer stärker zunehmen. Viele Gegenden werden in der Folge unbewohnbar, trocken, überschwemmt oder unfruchtbar, Menschen werden dann zur Migration gezwungen und viel Geld und Arbeitsleistung müssen in die Klimafolgenbewältigung fließen. Täten wir das nicht, versänken wir in ein noch größeres Chaos. Tun wir zu wenig, dann stehen wir bald unter dem Diktat der Ökosphäre, die von da an den Ton angibt.

Wenn wir nicht mehr entscheiden können, sondern die Natur vorgibt, was wir zu tun haben, dann ist das eine Ökodiktatur.

Transformation by Design oder Transformation by Desaster?

So oder so wird sich etwas verändern. Wir haben aber heute (2020) noch die Wahl, wie wir unsere Welt gestalten. Wir haben noch etwas Zeit zum Experimentieren und Herausfinden, was geht und was nicht. Jeder Einzelne kann etwas tun. Man könnte zum Beispiel mal ausprobieren, nur noch Bio zu kaufen; das Auto stehen zu lassen und das Rad zu nehmen; die Bahn, für längere Strecken, anstelle das Auto zu nehmen; statt in den Urlaub zu fliegen, mal einen Bahnurlaub planen oder den Sommer im eigenen Garten verbringen.

All das sind Alternativen, die auch sehr schön sein können, aber nicht so schön funkeln oder glitzern, wie die vielen Werbeanzeigen, unter deren Einfluss wir stehen.

Auch politisch könnten wir den ökologisch ausgerichteten Parteien die Chance geben, sich zu beweisen. Es wäre sehr unwahrscheinlich, dass sie unser Land in einer Legislaturperiode zur Diktatur umwandeln.

Gelingt uns das, wandeln wir uns und die Gesellschaft auf unsere eigene Weise und gestalten sie. Wir können (noch) agieren und designen, wie es für uns am besten ist. Demokratisch.

Verpassen wir diese Chance und lassen unser Zeitfenster verstreichen, wandelt sich die Welt ebenfalls – aber nicht so, wie wir es wollen. Dann könnten nur noch reagieren. Viel Raum zur Gestaltung würde es nicht mehr gegeben. Denn wenn uns das Wasser bis zum Halse steht, brauchen wir auch kein Parlament mehr, das uns ins Landesinnere treibt. Wenn es keine Bienen mehr gibt, dann müssen wir Pflanzen künstlich befruchten, um noch satt zu werden.

Wir geben dann die Chance auf, in einer reichen Welt zu leben, die uns mit allem günstig versorgt, was wir um Leben brauchen. Unsere Möglichkeiten werden sich dann nur noch darauf beschränken, dem Diktat der Natur zu folgen. Wir würden selbst für die einfachsten Lebensbedingungen schuften müssen. Das wäre die Ökodiktatur.


Nachtrag vom 17. Januar 2020: Das Unwort des Jahres steht fest. Ich lag knapp daneben. Es ist Klimahysterie geworden.

Meiner Meinung nach ist dieses Wort eine würdige Alternative zur Ökodiktatur.

Wer mehr darüber erfahren möchte, findet bei Klimareporter einen netten Kommentar dazu.