Demokratie! Demokratie!

Stell Dir vor, morgen sind Wahlen. Aber anders als Du es gewohnt bist, stehen keine Parteien mit ihren Wahlprogrammen zur Wahl. Diesmal geht es nicht darum, wer ins Parlament kommt, sondern um das Fortbestehen der Menschheit.

Weil das so wichtig ist, muss jeder gesunde, erwachsene Mensch zur Wahl zu gehen. Es gibt keine Enthaltung, keine ungültigen Wahlzettel oder andere Möglichkeiten drumherum zu kommen. Eltern müssen für ihre Kinder entscheiden.

Gewählt wird für folgende Frage:

Wie wollen wir als Menschheit in Zukunft leben?

Diese Antworten stehen zur Auswahl:

  1. Ich möchte, dass die Menschheit, meine Kinder, meine Enkel und deren Kinder und alle künftigen Generationen, ein glückliches Leben führen können und dass Menschen überall auf der Welt ebenfalls die Chance auf ein solches Leben haben.
  2. Ich möchte, dass alle Menschen aussterben, mit allen Konsequenzen, die dies mit sich bringt: Wie Kriegen, Hauen und Stechen, Flüchtlingen, Hungersnöte und unvorstellbaren Qualen für alle über einen langen Zeitraum, bis niemand mehr von uns da ist.
  3. Ich möchte, dass manche Teile auf der Welt für eine Elite fortbestehen bleiben und diese Teile von den verderbenden Teilen durch Zäune und Mauern, militärische Kraft und überlegener Mobilität abgetrennt werden. Hinter der Grenze kann es Menschen sehr schlecht gehen. Ihr überleben ist nicht sicher, aber ich bin davon nicht betroffen und muss auch nicht hinsehen, was dort geschieht.

Zugegeben, diese Frage klingt drastisch. Dass morgen Wahlbüros öffnen, wir aufgefordert werden mit einem Bleistift ein Kreuzchen zu machen und unsere Antwort in eine Urne werfen, geht schon allein deshalb nicht, weil kein Politiker auf der Welt die Macht hat, das Wahlergebnis umzusetzen.

Denke doch mal kurz darüber nach, es würde dennoch funktionieren? Stell‘ Dir vor, wir leben in einer Demokratie, in der über diese Frage wirklich abgestimmt werden kann. Was würdest Du wählen?

Diese Demokratie gibt es

In Europa und vielen Ländern rund um den Globus leben wir bereits in dieser Demokratie. Und wir bekommen die obige Frage jeden Tag gestellt. Meistens sogar mehrfach.

Darüber hinaus besitzen wir so viel Macht, dass jede unserer Entscheidungen wirksam ist! Entweder, sie hat unmittelbare Folgen oder wir geben anderen einen Auftrag, für uns im Sinne unserer Wahl zu entscheiden.

Wir wählen also keine Politiker, die dann am Ende doch wieder etwas anderes machen, als sie uns zuvor versprochen hatten. Unsere Entscheidung wirkt, und zwar unmittelbar!

Entscheidungen, die schlicht darauf auswirken, wie es der Menschheit in Zukunft ergehen soll, tarnen sich häufig hinter allem, was mit Geld zu tun hat.

Was kaufe ich ein, wie viel davon und wem gebe ich mein Geld?

Auch die Frage, von wem man Geld nimmt, hat Auswirkungen. Für wen arbeite ich? Von welcher Bank leihe ich mir Geld?

Ein zweiter großer Einflussfaktor ist die Gestaltung unserer Zeit. Wie verbringe ich meine Zeit? Wofür engagiere ich mich und wo nicht?

Eine Frage der Haltung

Es hat viele Ursachen, weshalb wir die Reichweite unserer Entscheidungen nicht reflektieren. Denn es gibt viel zu viele davon, die wir jeden Tag treffen. Würde man jede Entscheidung vorher oder hinterher gut überdenken, wäre man weder überlebensfähig, noch würde das Leben als solches noch Spaß machen!

Manche Verhaltensforscher schätzen, dass wir gut 20.000 Entscheidungen am Tag treffen. Das sind knapp 1 Entscheidung pro 2 Sekunden. Du musst also nicht lange warten, bis Du die nächste Entscheidung triffst. Und das lässt sich wunderbar in einem Selbstexperiment feststellen:

Während ich zum Beispiel hier am Schreibtisch sitze und schreibe, treffe ich andauernd Entscheidungen, zum Beispiel, welche Wörter ich verwende und was bleibt, gestrichen wird oder geändert und ergänzt wird. Oder wenn ein Vogel am Fenster vorbeifliegt, dann treffe ich die Entscheidung, ob ich ihm hinterherschaue oder nicht. Vieles davon läuft unterbewusst ab.

Dass wir so funktionieren, ist kein Geheimnis. Ganze Industrien haben sich darauf spezialisiert, die uns mit vielen Tricks dazu zu bringen, Entscheidungen in ihrem Sinne zu treffen. Dazu gehören viele Verkaufsprofis, Marketingexperten und Werbungsmacher.

Meistens stehen sie sich in großem Wettbewerb gegenüber und rüsten sich um die Wette, welche Methoden sie einsetzen. Das ist zum Beispiel eine der Ursachen für Moden und Trends.

Viele unserer Entscheidungen haben sehr weitreichende und vielschichtige Folgen. Unser Gehirn ist dazu gemacht, einfache Schlüsse zu ziehen und einfache Muster zu verfolgen.

Wenn es jemals Steinzeitmenschen gab, die das perfektioniert hätten, hätten sie ihre Gene an uns weitergegeben? Wohl kaum, wenn damals war die Welt noch voll von Wenn-Dann-Beziehungen.

Auf diese Weise lässt sich leicht erklären, warum uns manchmal nicht bewusst ist, sobald wir eine schwerer wiegende Entscheidung treffen. Im Trott machen wir einfach, was wir gewohnt sind, überlegen nicht lange oder lassen unser Unterbewusstes regieren.

Die gute Nachricht lautet aber:

Wir haben alle die Freiheit, Dinge zu tun, die auch Konsequenzen haben. Wir sind freie Menschen und jede und jeder kann und muss abwägen, für was sie sich entscheiden.

Ich finde, das kann man nicht oft genug wiederholen! Unsere Entscheidungen kommen zum Tragen und sind relevant. Egal ob wir uns für oder gegen etwas entscheiden. Es zählt immer. Zumindest im Jahre 2020 in Westeuropa, wo dieses Buch gerade entsteht. Und ich hoffe, diesen gesellschaftlichen Fortschritt geben wir nicht wieder auf.

Wer häufig sagt, dass ihre Politiker bessere Entscheidungen treffen sollten, sollte seine eigenen Entscheidungen selbst beginnen zu hinterfragen. Und gibt nicht derjenige seine eigene Macht auf, der bestimmte Antworten, zum Beispiel in Form von Gesetzen, von der Politik erwartet?

Sollten wir uns nicht freuen, dass wir in vielen Fällen selbst die Zügel in der Hand haben und selbst entscheiden? Dass wir das Recht dazu haben?