Spare Dir die niedrigen Preise

Wer kennt das nicht? Das gute Gefühl mal wieder ein Schnäppchen gemacht zu haben? Oder der Konterpart: Das schlechte Gefühl, gerade etwas gekauft zu haben, das woanders billiger zu haben war?

Schnäppchenjagd. Aber genau das ist sehr schlecht, wenn wir uns persönlich weiterentwickeln möchten oder etwas für die Umwelt tun wollen. Und das aus etlichen Gründen.

Bevor es losgeht noch ein Hinweis:
Mit Schnäppchen meine ich sowohl ein bestimmtes Produkt, das günstiger zu haben ist. Also Händler danach zu vergleichen, ob sie das begehrte Produkte zum niedrigsten Preis anbieten. Ich meine aber auch ähnliche Produkte, die anhand ihrer Preise miteinander verglichen werden, z.B. den Neuseeland-Apfel im Discounter mit dem regionalen Apfel im Biomarkt oder vom Bauern.

Hier mal eine Auswahl, die gewiss nicht vollständig ist:

Das Gefühl

Schnäppchenjagd, oder einfach nur das Suchen nach guten Angeboten, das Recherchieren, das Spähen, das Googeln, das Feilschen, das Herumfahren, das sind in den seltensten Fällen rein rationale Angelegenheiten. Wie oben schon in der Einleitung beschrieben, hier geht es primär ums Gefühl. Das gute Gefühl, welches wahrscheinlich noch aus Jäger-und-Sammler-Zeiten kommt.

Konsum – und meist hat Schnäppchenjagd etwas mit Konsum zu tun – tut uns und der Umwelt aber gar nicht gut. Drum hilft es, wer sich ernsthaft für die Umwelt oder sich selbst einsetzen möchte, die Verbindung zwischen Konsumieren und guten Gefühlen zu trennen. Auch wenn’s sich bitter hart anfühlt.

Werbung

Wer sich auf Schnäppchenjagd begibt, der studiert Werbung. Wie ich schon im Beitrag über Werbung geschildert habe, unterstützt auch diese die alte Erzählung vom guten Konsum: vom System, das auf Verbrauch ausgelegt ist. Aber genau das ist nicht nachhaltig. Zu häufiges Konsumieren von Werbung führt die Litanei unserer konsumistischen Gesellschaft fort und lässt in unseren Köpfen kaum noch Platz, an Alternativen zu denken, geschweige sie zu erfinden. Einen echten Wandel kriegen wir so nicht hin.

Die verbrauchte Zeit

Das Suchen nach dem besten Preis, nach dem besten Angebot – all das kostet eine ganze Menge Zeit. Aber Zeit ist das, was für uns alle nur begrenzt zur Verfügung steht. Mit der Geburt startet unsere Zeit. Mit dem Tod endet sie. Jeden Tag sind das 24 Stunden, die wir nutzen können.

Entweder, um sinnvolle Dinge zu tun, Projekte voranzutreiben, mit anderen Menschen zusammen zu sein, zu inspirieren, Glück zu bringen, anderen zu helfen pder Gutes zu bewirken, und so weiter und so fort.

Unsere Zeit ist das Kostbarste, das wir jeden Tag bekommen. Sind wir aber auf der Suche nach einem tollen Angebot, so verbrauchen wir unsere Zeit dafür. Schlimmer noch: Wir stufen uns selbst herab, indem wir die preisliche Ersparnis unserer eigenen Lebenszeit gegenüberstellen. Die Zeit ist so kostbar, dass keine Zeit für Schnäppchen bleibt.

Der wahre Wert

Wenn etwas teuer ist, dann ist es uns auch teuer. Weil wir erstmal eine Menge Zeit investieren mussten, um das nötige Geld zu verdienen, bekommt ein Produkt für uns einen besonderen Wert.

Suchen wir nach billigen Angeboten, so reduzieren wir uns automatisch auch unseren persönlichen Wert für das, was wir gekauft haben.

Was uns lieb und teuer ist, das pflegen wir besser. Wir gehen besser damit um. Und uns liegt es fern, es einfach achtlos wieder wegzuwerfen. Mag sein, dass das im Interesse der Anbieter ist, die auf diese Weise mehr von etwas verkaufen und somit mehr Geld verdienen, für uns als Konsumenten ist das aber keine gute Rechnung. Wer also nachhaltiger leben möchte, sollte sich wertvolle, teure Dinge leisten.

„Kinder, wir sind zu arm um billig einzukaufen“

Sind wir auf der Suche nach dem günstigsten Angebot, das wir für irgendetwas kriegen können, dann ist oft auch die Qualität schlecht. Schlimmer noch: Wenn wir uns zu sehr auf die Preise konzentrieren, fokussieren wir uns automatisch weniger auf die Qualität. Minderwertige Produkte halten in der Regel nicht lange oder können uns schaden. Nicht selten müssen sie schon bald durch etwas Neues ersetzt werden. Das kostet dann wieder Zeit, frustriert und steigert den Verbrauch insgesamt. Daran ist aus meiner Sicht nichts Gutes zu entdecken, außer vielleicht für die Anbieter solcher Angebote.

Außerdem werden billige Produkte unter schlechten Bedingungen erzeugt. Sie entstehen in fernen Ländern, aus denen es erstmal hertransportiert werden muss. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die es herstellen, werden wir niemals zu Gesicht bekommen. Aber wahrscheinlich ist, dass sie nicht fair bezahlt werden. Vielleicht gibt es auch keinen ausreichenden Arbeitsschutz. Nicht selten sterben Menschen bei der Produktion von Produkten, die wir hier billig bekommen. Vielleicht klebt Blut an Deinem Schnäppchen. Mach‘ Dir das bewusst, wenn Du nur auf den Preis schaust.

Du sparst Dir das Sparen

Wenn Du etwas haben möchtest, das einen höheren Preis hat, so musst Du dafür sparen. Kaufst Du aber billig, dann verkürzt sich die Zeit, die Du sparen musst. Bei manchen Produkten sind die Preisunterschiede sogar so groß, dass Du für die „Schnappchen“ gar nicht sparen brauchst. Für das teure Produkt aber schon.

Der Vorteil am Sparen ist, dass es Dir hilft, den wahren Wert eines Produktes zu erkennen. Und nicht selten erkennt man dann auch, dass es einem gar nicht so viel wert ist.

Auch mir ist es schon häufiger so ergangen: Ich sparte für etwas und hatte dann irgendwann das Geld dafür zusammen. Aber dann habe ich gemerkt, dass mir das viel zu teuer ist und habe das Produkt gar nicht mehr gebraucht.

Externalisierte Kosten

Billig passiert oft auf Kosten anderer. Gerne wird auch die Erde dafür ausgebeutet. Meist werden Rohstoffe irgendwo unter miesen Bedingungen gefördert. Es werden Landstriche zuerstört, Wälder gerodet, Gewässer verschmutzt, Menschen ausgebeutet und Nachbarschaften verpestet.

Unternehmen wandern dorthin, wo es etwas am günstigsten zu kriegen gibt. Oder wo die Gesetze nicht so hart für sie sind. Das ist nur nötig, damit diese Unternehmen etwas zu besonders niedrigen Preisen anbieten können.

Was glaubst Du, wieso so viel Elektronik aus China kommt? Oder Klamotten aus Bangladesch? Lachse (die eigentlich nur auf der Nordhalbkugel vorkommen) aus Chile?

Stell‘ Dir das nur mal für den Giftmüll vor, der bei der Produktion von Elektronik anfällt. Würden die Hersteller sie in Deutschland fertigen lassen, müssten sie extrem viel für die Entsorgung zahlen. In anderen Ländern ist das häufig billiger. Das entsorgen in die Gewässer, Wälder oder das einfache Vergraben wird bei uns aus gutem Grund verboten. Woanders nicht.

Unternehmen sparen auch an der Arbeitssicherheit, bei den Menschenrechten und der Bezahlung ihrer Mitarbeiter. Sie suchen sich dazu den optimalen Standort im Ausland aus, wo sie das „Maximale“ herausholen können.

Wenn Du noch nicht überzeugt bist und Du denkst, es habe für Deutschland keine Auswirkung, dann muss ich Dich enttäuschen. Unsere Politiker stehen nämlich mit allen anderen Ländern auf der Welt in einer Art Konkurrenz. Wann immer es bei uns zu schärferen Gesetzen kommen soll, egal ob für Menschenschutz, Umweltschutz oder Klimaschutz, wird immer wieder dagegen argumentiert. Man könne sich damit einen Wettbewerbsnachteile einhandeln und Unternehmen könnten abwandern.

Wenn Dir weiterhin Preise als wichtig erscheinen und Du weltweit produzierte Ware kaufst, setzt Du diesen Teufelskreis weiter fort! Und wer weiß, vielleicht wirst Du bald deshalb Deinen Arbeitsplatz verlieren. Da Dein Unternehmen im Ausland besser aufgehoben ist, um im internationalen Preiskampf weiter mithalten zu können.

Du entwickelst keine Beziehungen

Mit den Produzenten billiger Produkte kommst Du höchstwahrscheinlich niemals in Kontakt. Aber auch, wenn Du auf der Suche nach dem niedrigen Preis bist, gehst Du bestimmt keine wertvollen Beziehungen ein. Damit meine ich, den Verkäufer Deines Vertrauens. Das ist ein Mensch, der Dich gut beraten kann. Der Deine Bedürfnisse kennt oder dem Du davon erzählen kannst und der Dir ehrlich sagen kann, was für Dich das Beste ist. Ein Mensch, der sein Geld damit verdient, dass Du ein Produkt bei ihm kaufst. Suchst Du nach billigen Angeboten, dann wirst Du erst gar nicht versuchen, solche Bindungen zuzulassen, und bist ein einsamer Krieger auf dem Weg zu Deinem Schnäppchen.

Neben dem Einkauf im Laden gibt es auch noch echte Handwerker, die Du auswählen und besuchen kannst. Das sind auch Menschen, die ihr Geld mit ihren Händen verdienen. Mal zu sehen, wie etwas produziert wird, das ein mensch nur für Dich gemacht hat, das ist etwas ganz wertvolles.

Oder Du schaust Dich mal nach den Bäuerinnen und Bauern um, die Ihre Produkte auf dem Hof verkaufen?

Der Vorteil an persönlichen Bezieungen ist darüberhinaus: Sie sind die beste Garantie, die Du für etwas bekommen kannst. Denn wer Dir in die Augen schaut, der hat eher Skrupel Dich über den Tisch zu ziehen, Dir eine miese Qualität anzudrehen oder Dich zu vergiften. In der anonymen Wirtschaft, mit Supermärkten, Discountern, Internetshops und großen Handelsketten, fällt dieser Garant gänzlich weg.

Das Geld, das Du gespart hast

Wenn Du beim Einkaufen Geld sparst, so hast Du dieses Geld übrig, um Dir damit noch was anderes zu kaufen. Du steigerst somit Deine eigene Kaufkraft. Das klingt gut, aber hat einige krasse Nachteile.

Mir ist es gottseidank nur einmal im Leben passiert, als ich nach Sonderangeboten im Supermarkt gesucht hatte: Ich weiß noch ganz genau, dass der Joghurt reduziert war und ich mir gleich eine ganze Palette gekauft hatte. Dummerweise hatte ich in den nächsten Tagen gar keine Lust, so viel Joghurt zu essen. Das Meiste davon wurde schlecht.
Für mich war das die beste Therapie, mit der Preisjagd und dem Werbehäftchenblättern aufzuhören. Und ich bin heute sehr dankbar dafür, dass mir dies bei meinem allerersten eigenen Einkauf, nachdem ich bei meinen Eltern ausgezogen war, passiert ist.

Solche Geschichten spielen sich wahrscheinlich tagtäglich in unserer Gesellschaft ab. Da werden Sonderangebote auf Vorrat eingekauft. Einiges von der Ersparnis landet anschließend wieder im Müll. Das ist schade und verschwenderisch. Denn die Produkte erhalten keine oder nur zu wenig Wertschätzung. Der Verlust bzw. die Produktion – die für die Katz war – schadet unserer Umwelt.

Kaufst Du hingegen teurere, wertige Produkte, dann weißt Du schon vorher, dass Du hinterher weniger Geld hast. Das hilft Dir, nochmal darüber nachzudenken, ob Du jetzt und hier ein bestimmtes Produkt wirklich haben möchtest.

Und auch das spart auch eine Menge Müll.

Es gibt gar keine Schnäppchen!

Was denkst Du, warum Unternehmen Sonderangebote und Schnäppchenpreise machen? Weil sie das Zeug loswerden möchten oder Dich locken wollen. Kein Unternehmen macht das, damit es Dir besser geht, sondern, um seine eigenen Gewinne zu steigern. Wenn Du also bei Deiner Schnäppchenjagd auf ein Unternehmen aufmerksam wirst und dort einkaufst, dann handelst Du genauso, wie das Unternehmen das möchte.

Leider sind viele unserer Umweltprobleme heutzutage genau das Resultat vom Willen der Unternehmen und nicht vom Willen der Menschen verursacht. Sagst Du Dich los von der Schnäppchenjagd und somit von dem Diktat der Unternehmen, bist Du auf dem richtigen Weg zu einem nachhaltigeren Leben.


Wenn Du aus all dem folgst, immer nach dem teuersten Produkt zu suchen, dann habe ich meine Botschaft nicht richtig übermittelt. Ich plädiere dafür, statt den Preis in den Mittelpunkt zu rücken, die Qualität an oberste Stelle zu setzen. Qualität, das schließt die Verarbeitung und Haltbarkeit eines Produktes ein. Aber auch die Bedingungen, unter der es entstanden und zu Dir gekommen ist.